Dogs

Verantwortung übernehmen

Führen und Folgen, was tut ein «Rudelführer»?

Hilfe, mein Hund nimmt mich nicht wahr. Was muss ich tun? So, beginnen meistens die Fragen bei entnervten Hundeführerinnen und Hundeführern. Doch weshalb werden Sie von Ihrem eigenen Hund nicht wahrgenommen? Oder sollte man besser fragen, warum werden Sie von Ihrem eigenen Hund nicht «ernst» genommen? Viele retten sich in die Aussage «Ich bin eben kein Rudelführer».

Als erste Massnahme ist zu empfehlen, sich selbst nicht als Rudelführer zu betrachten, denn Sie sind weder ein Wolf noch ein Hund. Betrachten Sie sich als Familienoberhaupt, welches Verantwortung übernimmt und Regeln sowie Grenzen aufstellt, damit alle Familienmitglieder «Schutz» und «Geborgenheit» erfahren. Werfen Sie alte Märchen bezüglich statischer Rangordnung genauso über Bord, wie die moderne «laissez fair»-Erziehung.

Beispiel für Führung

Falsch:

Wer vorne geht der führt. Wer zuerst zur Türe hinausgeht der führt.

Richtig:

Wer vorne geht, trifft zuerst auf mögliche Ereignisse (Gefahren/Risiken) und wird entscheiden, was zu tun ist (flüchten, angreifen, erstarren etc.). Dies kann gewünscht, aber auch verkehrt sein.

Stellen Sie sich vor, Sie sind mit Ihren Kindern auf einem Sonntagsspaziergang. Die Kinder rennen voraus. Haben nun die Kinder die Führung übernommen? Nein. Was würden Sie tun, wenn den Kindern eine mögliche Gefahr entgegenkommt? Sie würden Ihre Kinder bestimmt nicht ihrem Schicksal überlassen und sie schnellstmöglich zurückrufen. Tut dies auch jeder Hundehalter? Nein. Meist liegt es daran, dass gewisse Hundehalter/innen ihren Hund nicht zurückrufen können, da der Hund ihnen nicht gehorcht. Entweder weil er dem Handeln seiner Besitzerin/seines Besitzers nicht vertraut oder sein Handeln nicht schätzen gelernt hat. Der Hund sieht in der aktuellen Situation möglicherweise keine Gefahr, sondern eine verpasste Chance auf ein spannendes Erlebnis, welches ihm seine Besitzerin/sein Besitzer konsequent verwehrt oder ihn ohne Regeln (selbstbestimmend) gewähren lässt. Übertriebene Verbote führen genauso zu Misserfolgen, wie ein stetes Zulassen von Handlungen. Konsequentes Handeln ist angesagt. Ja, du darfst. Nein, du darfst nicht.

Wenn Besitzer/innen von ihrem Hund die nötige Aufmerksamkeit und das Befolgen von Regeln erwarten, dann müssen sie sich dies verdienen. Wer sich Aufmerksamkeit und Regeleinhaltung mit Leckereien erkauft, kann schnell merken, dass er ausgenutzt wird. Achtung: Hier sei erwähnt, dass die «klassische Konditionierung – Lerntheorie» sowie die «instrumentelle Konditionierung – Lerntheorie» nach wie vor mittels Futter trainiert werden können und sollen. Einzelne Übungen mittels Futter zu erlernen, hat nichts mit Respekt der Halterin oder dem Halter gegenüber zu tun. Genau deshalb können auch Hunde auf dem Trainingsplatz die Übungen sehr gut umsetzen, aber im Alltag gehorchen sie «ihrer Trainerin/ihrem Trainer», in diesem Fall der Besitzerin/dem Besitzer, überhaupt nicht. Für den nötigen Respekt von Ihrem Hund benötigen Sie lediglich sich selbst. Betrachten Sie sich als Vorbild, denn Sie spiegeln nicht nur Ihr Verhalten auf Ihren Hund wider, sondern wecken dadurch auch dessen Vertrauen oder Misstrauen. Stellen Sie sich vor, dass sich der Hund folgende Frage stellt: Kann ich jederzeit auf meine Besitzerin/meinen Besitzer zählen, auch bei Gefahren? Das soziale Wesen eines Hundes ist also Fluch und Segen zugleich.

 

In vielen Situationen ist uns nicht bewusst, dass für unsere «Fellnasen» klare Strukturen ebenso lebenswichtig sind wie Futter und Zuwendung. Somit müssen Sie diese stärker in die Verantwortung einbeziehen. Grenzen und Regeln setzen und zu einer sozialen Gemeinschaft dazu gehören, garantieren Sicherheit und Geborgenheit. Ein Hundeleben mit klaren Regeln ist müheloser und angenehmer, insbesondere dann, wenn ein Mensch die Verantwortung und Führung übernimmt. An dieser Stelle sei erwähnt, dass mit Führung nicht die Persönlichkeit eines dominanten Rudelführers oder Alphas gemeint ist. Dieses Bild steckt noch in vielen Köpfen und ist sicherlich nicht komplett falsch, aber es muss folgendermassen überholt werden: Eine Führungsrolle ist dynamisch und stets der Situation angepasst. Sie bietet Orientierung und gewährt gleichermassen Freiraum, sodass die Entwicklung und die Lebensumstände in der Gemeinschaft bevorzugt werden.

 

Stellen Sie sich eine tolle Chefin/einen tollen Chef vor. Sie/er sorgt sich um das Wohl seiner Mitarbeitenden, leitet die Firma umsichtig, erfolgsorientiert und mit klaren Regeln sowie Grenzen. Wenn es einen Anlass dazu gibt, feiert sie/er mit seinen Mitarbeitenden. Verantwortung übernehmen hat viel mit Mehrarbeit, vorausschauendem Handeln und vernetztem Denken etc. zu tun. Eine gute Vorgesetzte oder ein guter Vorgesetzter akzeptiert und schätzt die Überlegenheit seiner Mitarbeiter/innen in Bezug auf ihre Fachkompetenz und hört auf sie (Rollentausch). Man spricht hier von situativer Dominanz. Man ist in einer bestimmten Frage seinem Gegenüber (Chef/in) überlegen, obwohl diese/r eine ranghöhere Position inne hat und dies darf so sein. Wenn Sie eine natürliche Autorität ausstrahlen, ohne sich bemühen zu müssen, werden Sie merken, dass Ihr Hund sich gerne an Ihnen orientiert. Ansonsten müssen Sie sich tatsächlich die Frage stellen, bin ich wirklich bereit meinen Hund zu führen? Falls ja, beachten Sie auch folgendes:

·       Entspricht Ihre Körperhaltung Ihren Absichten (ruhig, gelassen und souverän)?

·       Nehmen Sie Ihren Hund auch als solchen wahr oder stellen Sie menschliche Ansprüche an ihn? Vermenschlichung z. B. mittels Sprachverständnis, menschliche Verhaltensweisen etc.?

·       Ist die Verständigung für Ihren Hund klar und authentisch?

·       Ist die Aufmerksamkeit Ihres Hundes zu Ihnen gerichtet?

·       Verhalten Sie sich vorbildlich oder hilflos?

·       Kann sich Ihr Hund in jeder Situation auf Sie verlassen oder sind Sie ängstlich und hilflos?

·       Treten Sie überlegen und selbstsicher auf, sodass Sie eine Situation oder Gefahr unter Kontrolle haben?

 

Beat Eichenberger – Trainer für Hundehalter